Geteiltes Deutschland und die Mauer

Als ich noch in die Schule ging, ich war Schülerin einer 10. Klasse, gab es eine Mauer zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass sie eines Tages nicht mehr bewacht und lebensgefährlich ist. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal mit meiner Mutter und unserem himmelblauen Trabant über diese Grenze fahren würde. Und doch passierte es eines Tages völlig unerwartet.

Ich war in der Schule mit meinen Mitschülern gerade beim Mittagessen, als unsere Mathematiklehrerin aufgeregt angelaufen kam. Sie sagte für uns alle etwas nie für möglich Gehaltenes: „Die Grenze ist offen, wir können in den Westen fahren.“ Alle schauten sich ungläubig an und jeder fragte sich, ob das stimmte.

Nun begann jeder schnell seine Sachen in die Tasche zu packen und sich auf den Heimweg zu machen. Alle wollten so schnell wie möglich mit ihren Eltern sprechen und vielleicht noch am selben Tag an die Grenze fahren, um sich selber davon zu überzeugen. Noch am Abend sind wir in Richtung Hamburg gefahren und trauten unseren Augen nicht. Wir standen im Stau. So etwas gab bis dahin bei uns in der DDR nicht. Trabi an Trabi, Stoßstange an Stoßstange. Alle wollten in den goldenen Westen.

Viele lachten laut und hupten vor Freude. Einige tanzten auf der Autobahn. Fotos wurden gemacht mit Menschen, die man bis dahin noch nie gesehen hatte und gar nicht kannte. Aber das war an diesem Tag egal. Etwas Großartiges war geschehen, die Grenze war nun für alle Menschen aus der DDR geöffnet und ohne Gefahr übertretbar. Kein Grenzsoldat würde uns aufhalten.

Wir kamen in Hamburg an, fuhren gleich zum Hafen und schauten uns die Schiffe aus den fernen Ländern an. Wir nahmen unser Begrüßungsgeld in Empfang und kauften uns davon CocaCola sowie ein großes Eis und es schmeckte so herrlich!

Dann schlug ich meiner Mutter vor, dass wir in den Zoo gehen sollten. Von dem hatte ich schon so viel gehört und den wollte ich unbedingt sehen. Am Zoo angelangt, standen wir vor der Kasse und schauten auf die Eintrittspreise. Sie waren einfach zu teuer für uns, denn von unseren 100 DM war nicht mehr viel übrig geblieben. Wir hatten zu viel für Kleinigkeiten ausgegeben und stellten fest, dass das Leben im Westen doch sehr teuer war. Also mussten wir ohne Zoobesuch wieder nach Hause fahren, aber wir wollten wiederkommen.

Als ich neulich wieder einmal in Hamburg war und mich daran zurückerinnerte, musste ich schmunzeln und rief meine Mutter an und fragte sie, ob sie sich noch an diesen Tag erinnern konnte. Sie sagte ja und wir schwelgten in Erinnerungen.

Vielleicht gehen wir doch noch einmal gemeinsam in den Hamburger Zoo, denn das hatten wir nach 27 Jahren immer noch nicht geschafft.

Nina Müller